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Wissenschaftliche Beilage der Albert-Heim-Stiftung

Panostitis – eine schmerzhafte, generalisierte Skeletterkrankung bei jungen Hunden. Ein Fütterungsproblem?

Neue Erkenntnisse zur Panostitis des Hundes - klinische, diagnostische und therapeutische Aspekte sowie Gedanken zur Krankheitsentstehung

P. Schawalder, K. Jutzi, H.U. Andres, H. Stoupis, H. Bösch, J. Blum

Krankheitsbild

Die generalisierte und sehr schmerzhafte Knochenentzündung «Panostitis» ist eine Junghundeerkrankung, deren Ursache, Entstehung und Entwicklung auch heute noch weitestgehend unbekannt ist. Von der Krankheit betroffen sind vor allem frohwüchsige und temperamentvolle mittelgrosse bis grosse Rassenvertreter. Die Krankheit manifestiert sich klinisch in der Regel im Alter von 5-6 Monaten, wurde allerdings ausnahmsweise auch bei bis zu 5-jährigen Hunden und signifikant häufiger bei Rüden beobachtet. Das klinische Krankheitsbild äussert sich in oft schubweise auftretenden Lahmheiten unterschiedlichsten Grades, die mitunter von einer Gliedmasse auf die andere wechseln können. In der Krankengeschichte kann klassischerweise kein Trauma als Lahmheitsursache ermittelt werden. Charakteristisch ist auch die Druckschmerzhaftig- keit vor allem im Bereich der langen Röhrenknochen (Oberarm- und Oberschenkelknochen, Elle, Speiche und Schienbein). Begleitend können häufig Fieber, Bewegungsunlust, Appetitlosigkeit bis hin zur Futterverweigerung beobachtet werden. Die Diagnose wird durch die klinische Tastuntersuchung (Palpation) gestellt. Bei der röntgenologischen Darstellung zur Diagnosesicherung muss bedacht werden, dass die sichtbaren Veränderungen am Knochen (Abb. 1) erst 2-3 Wochen nach den ersten klinischen Symptomen sichtbar werden. Der ursprüngliche Anlass zur Durchführung unserer «Panostitis-Studie» beruht auf einer eigenen, empirischen Hypothese, dass das vermehrte Auftreten der Panostitis mit dem kommerziellen Aufkommen verschiedener «Hochkalorienfutter» in einem Zusammenhang stehen muss. Besonders der übermässige Eiweissgehalt von verschiedenen Fertigfuttern scheint bezüglich der Panostitis, nebst allerdings noch anderen Faktoren, eine vordergründige Rolle zu spielen.

Eigene Hypothese zur Entstehung der Panostitis beim Hund

Die ernährungsbedingt im Körper im Überfluss anfallenden wasserlöslichen Eiweisse entfalten ihre osmotische Aktivität, das heisst, sie «ziehen» Körperflüssigkeit an, um Konzentrationsunterschiede anzugleichen. Im nicht dehnbaren, starren Kompartiment «Knochen» ist das eiweissbedingte, durch Osmose zustande kommende intraossäre Ödem (Flüssigkeitsansammlung im Knochen) zwangsläufig mit einer Druckerhöhung im Knochen vergesellschaftet. Der Druckanstieg im Knochen und vor allem in der Markhöhle des Knochens, der entsprechend ausqepräqt besonders an den langen, grossen, das heisst oberen Röhrenknochen zustande kommen kann, führt zu einer Kompression der Blutgefässe in der Markhöhle, die normalerweise zu etwa 80% an der Blutversorgung des Knochens beteiligt sind. Die daraus resultierende Minderdurchblutung (Ischämie) mit all ihren Konsequenzen (ungenügende Sauerstoffversorgung, mangelhafte Nährstoffzufuhr, lokale Übersäuerung [Azidose], unzureichender Abtransport von Abbauprodukten, lokal entgleiste biochemische Vorgänge etc.) führen zu lokal entzündlichen Prozessen im Bereich der ganzheitlichen Knochenstrukturen (Panostitis), zur vermehrten Durchlässigkeit der Blutgefässe und damit zu einem «Teufelskreis». Darüber hinaus führen eine physische Überbeanspruchung und Verausgabung durch animiertes Herumtollen und temperamentvolles Spielen oder auch zu intensive kynologisch sportliche Aktivität naturgemäss zu einem Mehrverbrauch von Sauerstoff auch im Bereich der Knochen. Diese notwendige vermehrte Sauerstoffversorgung ist aber unter den ödembedingten, ischämischen Verhältnissen nicht mehr genügend gewährleistet. Dadurch verschlechtert sich die Situation im Bereich des Knochenmarks wiederum.

 

   
Zurück     Abb. 1a                1b                        Abb. 2a             2b                 2c                  2d

Abb. 1 a,b: Konventionelle Röntgenaufnahme. Deutscher Schäferhund, Rüde, 9 Mte., klassischer Röntgenbefund einer floriden, aktiven Panostitis. 

a) Rechter Oberschenkelknochen: Typisch sind die wolkigen, teilweise auch homogenen Verschattungen in der Markhöhle und die Auflagerungen im Bereich der Knochenhaut ( >   < ).

b) Derselbe Rüde zeigte gleichzeitig eine Panostitis im Bereich von Elle und Speiche links. Radiologisch sind wolkige, schlecht begrenzte, konfluierende Verdichtungszonen an der Speiche und eine eher homogene Verschattung mit Zubildungen im Bereich der Knochenhaut im mittleren Abschnitt der Elle zu erkennen. 4 Monate später, zeigte er ähnliche Veränderungen am rechten Unterarm.  

 

Abb. 2a-d: Osteomedullographie (röntgenologische Darstellung der Blutgefässe im Knochen mit Hilfe eines Kontrastmittels)

a) Gesunder Dobermann, 8 Mte., Rüde: Normales Medullogramm. Das Kontrastmittel stellt innert Sekundenbruchteilen die medullären, meta- und epiphysären Venen (Venen in den verschiedenen Knochenbereichen) dar.

b) Panostitis-Patient, Deutscher Schäferhund, Rüde, 9 Mte. Das Röntgenbild (Medullogramm) zeigt einen beinahe homogenen Kontrastmittelschatten im Bereich der Punktionsstelle. Die zentrale, medulläre Vene (zentrale Knochenmarksvene) mit ihren Abzweigungen kommt nicht zur Darstellung, das Kontrastmittel dehnt sich auch unter starkem Injektionsdruck weder nach distal noch nach proximal aus, da diese Gefässe durch das Ödem komprimiert werden.

c) Jugoslawischer Schäferhund, Rüde, 12 Mte., linker Oberschenkelknochen. Das bei der Knochenpunktion entstandene «Pneumogramm» (Röntgenbild mit Luft als Kontrastmittel) dokumentiert das Vorhandensein einer eher kompakten, «sulzigen» medullären Masse (interstitielles Ödem).

d) Kontrastmittelansammlung im Bereich der Punktionsstelle als Folge der Abflussstörung über die abführenden Blutgefässe.  

 

 

 

Durch den anabol wirkenden (aufbauenden) Effekt einer energetisch überschüssigen und eiweissreichen Fütterung wird bekannterweise das Körperwachstum, im Rahmen der genetischen Veranlagung, schon im frühesten Welpenalter beschleunigt. Das dadurch entstehende relative Übergewicht und die wachstumsbedingte Verlängerung der Knochen, die als funktionelle Hebelarme wirken, wie auch die ebenfalls vermehrte Muskelbildung führen, auf Grund geltender physikalischer Gesetze, zur erhöhten Belastung und Beanspruchung des noch jugendlichen, sich in Entwicklung befindenden und noch unfertigen Skeletts. So führen übermässig einwirkende Kräfte (Spitzen belastung = Masse x Beschleunigung) als so genannte «formative Reize» durch vermehrten Einbau von Knochenbälkchen zur fokalen Knochenverdichtung und «Knochenverstärkung» (Sklerose). Dadurch werden die vaskulären Verhältnisse (lokale Knochendurchblutung und -ernährung) dermassen verschlechtert, dass ebenfalls verschiedene andere Skelettentwicklungsstörungen, wie auch Knochen- und Gelenkserkrankungen (Gelenk-Dysplasien, « Hypertrophe Osteodystrophie», die «Craniomandibuläre Osteoarthropathie», Osteochondrosen, andere durchblutungsbedingte Erkrankungen wie aseptische Oberschenkel-, Oberarmkopfnekrose etc.) entstehen oder zumindest durch das Geschehen beeinflusst werden können.

Ein «neuen> Wirkstoff zur Panostitis-Behandlung?

Als Fricker et al. 1988 ihre Überlegungen zur Ursache und Ausbildung der Arthrose veröffentlichten und darauf basierend vorschlugen, diese gelenkzerstörenden Erkrankungen (Arthrosen) mit Benzopyron (Cumartrin) oder Ca-Do-besilat zu behandeln, stand uns ein erstes interessantes Instrument zur Verfügung, in einer Vorstudie die eigene «eiweissbedingte» Panostitis-Hypothese klinisch zu untersuchen. Da Benzopyron wie auch Ca-Do-besilat keine schmerzlindernde oder entzündungshemmende Wirkung zeigen, durften die erstaunlich guten therapeutischen Resultate auf die eiweissabbauende (proteolytische) Wirkung der Medikamente zurückgeführt werden. Diese Therapieerfolge, die auf Grund sehr positiver Rückmeldungen auch von vielen Privatpraktikern und -klinikern, die in der Zwischenzeit das Benzopyron ebenfalls als Standard-Therapie der Panostitis eingeführt hatten, erzielt werden konnten, schienen die Richtigkeit unserer Hypothese zu untermauern. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war, das Wesen dieser Junghundeerkrankung «Panostitis», deren Ursachen und Entstehungsmechanismen nach wie vor unbekannt sind, mit zum Teil in der Panostitis-Diagnostik bis anhin unüblichen, moderneren Möglichkeiten weiter zu erforschen und damit vor allem auch diese unsere «Eiweiss-Hypothese» zu untersuchen.

Eigene Untersuchungen

Über eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte und eine akkurate klinische Untersuchung wurden 16 Panostitis- Patienten mit Hilfe von konventionellen Röntgenaufnahmen, Knochenbiopsie-Untersuchungen und moderneren Techniken wie Osteomedullographie (röntgenologische Darstellung der Blutgefässe im Knochen mit Hilfe eines Kontrastmittels), Druckmessung im Knocheninneren und MRI (Kernspintomographie) untersucht. Ein Fütterungsversuch mit dem Wirkstoff Benzopyron (‚Cumartrin', in einer Dosierung von 4 mg/kg KG) sollte ebenfalls zur Ergründung der Ursache dieser Skeletterkrankung beitragen. Im Weiteren wurden Laboruntersuchungen wie Chemieprofil, Blutbild, Eiweisselektrophorese, Aminosäurenprofil, aber auch Bestimmungen von Mengen- und Spurenelementen, von Lactat und von verschiedenen Hormonen durchgeführt. Im Knochenmarkaspirat (durch eine Punktionskanüle angesaugtes Gewebematerial aus dem Knochenmark) wurden die Gesamteiweisse bestimmt, und eine Eiweisselektrophorese wurde angefertigt. Die Bestimmung von Lactat und pH (Säuregrad) sollte Auskunft geben über die lokale Gewebeübersäuerung durch die gestörte, ungenügende Durchblutung (ischämiebedingte Azidose) am an Panostitis erkrankten Knochen. Die Knochenbiopsie ermöglichte histologische Gewebsuntersuchungen und auch Untersuchungsmethoden wie «SDS- Polyacrylamid-Elektrophorese» , den «Semi-Dry- Transfer» und die «Aminosäuren-Sequenzierung nach Edam».  

Der Wirkstoff Benzopyron ist als Cumartrin (Firma Diavet. CH-8806 Bäch) im Handel erhältlich.

Quelle: SKG-Hunde vom 3.Mai 2002

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